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Renzensionen
Rezensionen zu Jürgen Peter:
Der Einbruch der Rassenhygiene in die Medizin. Auswirkung rassenhygienischen Denkens auf Denkkollektive und medizinische Fachgebiete von 1918 bis 1933.
Frankfurt am Main 2004
"Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftgeschichte" 92, Heft 2 (2005) S.212-213:
"Je tiefer wir in ein Wissensgebiet eindringen, desto stärker wird die Denkstilgebundenheit.
" Mit diesem Satz beschrieb Ludwik Fleck seine Thesen zur Etablierung wissenschaftlicher
Paradigmen. Jürgen Peters Titel "Der Einbruch der Rassenhygiene in die Medizin" mag zunächst
missverständlich klingen; ein weinig, als hätten Rassenkunde, Anthropologie und Eugenik langsam
und unbemerkt von einer gänzlich unvorbereiteten Medizin Besitz ergriffen. Doch das Buch
beschreibt nicht die Institutionalisierungs- und Forschungspraxis der NS-Zeit, sondern schildert
die Periode zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Erlass des Gesetzes zur Verhütung
erbkranken Nachwuchses im Frühjahr 1934, in der sich die Rassenhygiene von einem Teilgebiet zum
zentralen und umfassenden Leitmotiv der medizinischen Wissenschaft in Deutschland entwickelte.
Obwohl der Band die wesentlichen Entwicklungen rassenhygienischen Denkens in ihren Grundzügen
erläutert, versteht er sich nicht als Überblicksdarstellung (als Standardwerk gilt nach wie vor
"Rasse, Blut und Gene" von Weingart, Kroll und Bayertz aus dem Jahr 1988). Vielmehr schildert der
Autor am Beispiel prominenter Fachvertreter und anhand der Auswertung zeitgenössischer Lehr- und
Forschungsliteratur die Eckdaten der Etablierung rassenhygienischer Ansätze in der Sozialhygiene,
Gynäkologie, Onkologie, Neurologie, Chirurgie, Bakteriologie und Psychiatrie. Darüber hinaus
befassen sich kurze abschnitte mit den Forschungsschwerpunkten der prominenten wissenschaftlichen
Fachgesellschaften: Gesellschaft für Rassenhygiene, Gesellschaft deutscher Naturforscher und
Ärzte sowie schweizerische Julius-Klaus-Stiftung. Dabei orientiert er sich nicht an den Grenzen
einzelner Fachdisziplinen, sondern erläutert Querverbindungen und Parallelitäten. Besonders
gelingt ihm seine Darstellung für das Fachgebiet der Psychiatrie. Peter ist stets um einen
kultursoziologischen Ansatz bemüht, er weist auf die hasserfüllten Rassencharakterisierungen
Erich Mühsams, Ernst Tollers und Kurt Eissners durch den Assistenten Kraepelins, Eugen Kahn, hin
und analysiert das soziale Umfeld sich besonders exponierender Theoretiker. Das Zentrum des
Buches bilden - u. a. auf Quellenmaterial aus dem Heidelberger Universitätsarchiv basierende -
biographische Skizzen des Chirurgen Karl Heinrich Bauer und des Neurologen und Psychiaters Kurt
Goldstein. Beide von der Rassenhygiene überzeugte Ordinarien repräsentierten die
"Normalwissenschaft" im Sinne Thomas s. Kuhns. Goldstein emigrierte, Bauer engagiert sich für
eine "korrekte" Abwicklung von Zwangssterilisierungen. Der Verfasser enthält sich subjektiver
Wertungen, stattdessen erläutert er zeitgenössische Bezüge, beispielsweise die
Degenerationsdiskussionen der Weimarer Eliten. Deplatziert scheint mir allein ein Rekurs auf
Shulamit Volkov, mit dem er das wissenschaftliche Engagement jüdischer Wissenschaftler und
speziell Kurt Goldsteins zu erklären sucht.
Die große Stärke dieser Untersuchung liegt darin, dass es Peter gelungen ist, trotz der
Unterschiedlichkeit der einzelnen wissenschaftlichen Felder darzustellen, mit welcher
Zwangsläufigkeit sich ein auf populären Konzepten und vorwissenschaftlichen Präideen beruhender
Denkstil in eine seriöse Wissenschaft verwandelte und in nahezu allen Gebieten der Medizin
theoretische wie moralische Grundüberzeugungen verdrängte."
"Hessisches Ärzteblatt" Heft 12, Dezember2004, S.739:
Jürgen Peter: "Der Einbruch der Rassenhygiene in die Medizin" - Auswirkungen rassenhygienischen
Denkens auf Denkkollektive und medizinische Fachgebiete von 1918 bis 1934. Mabuse-Verlag,
Wissenschaft 70. 240 Seiten. ISBN 3-935964-33-1. Euro 24,00.
"Bevor das rassenhygienische Denken Eingang in das selbstverständliche Vokabular
breiter Teile der Bevölkerung fand, stellte es bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein
wichtiges Kapitel "wissenschaftlichen Arbeitens" bei den Juristen und den Medizinern dar. Zu
Beginn des 10. Jahrhunderts wurden neue beispielgebende Leitideologien, insbesondere innerhalb
der Medizin, bestimmt. In diesem Buch werden die Durchsetzung der Rassenhygiene als Denkprinzip
in wichtigen klinischen Fächern vom Ende des 1. Weltkrieges bis zur Etablierung der NS-Herrschaft
untersucht. Ein Abschnitt ist der Psychiatrie als einem "politischen Instrument" in der
Gegenrevolution 1918/1919 dargestellt.
Es wird aufgezeigt, welche Elemente dieses Denkens im Gewande einer
"Entartungsdebatte" in der psychiatrischen Medikalisierung, Diskreditierung und Diffamierung
politisch Andersdenkender bis hin zur Forensischen Psychiatrie beschieden war. Jürgen Peter ist
ein ausgewiesener Kenner dieses Stoffgebietes, er hat eine Dissertation zum Thema Rassenhygiene
in Heidelberg vorgelegt, seine Habilitationsschrift handelte von der Rezeption der Nürnberger
Ärzteprozesse.
Das Buch, ein wichtiger Beitrag zum Verständnis rassenhygienischen Denkens und
dessen Eingang in die Medizin.
Dr. med. Siegmund Drexler"
"Medische Anthropologie" 16 (2) 2004, S.413:
"Her paradigma van de Rassenhygiene is rond de nationaal-socialistische machtsovername in
Duitsland in 1993 reeds in alle medische specialismen doorgedrongen. In zijn proefschrift
onderzoekt sociaal-wetenschapper Jürgen Peter des institutionalisering en verankering van de
Rassenhygiene in het medische vakgebied in de periode 1918 en 1933. Hij bespreekt de ontwikkeling
van de gedachte dat bij tuberculose en alcoholisme erfelijk doorgegeven ziekten zouden zijn.
Erfelijke dispositie en genetisch bepaalde karakterzwakte zouden hierin een wezenlijke rol spelen.
Vervolgens analyseert hij hoe bij de chirurg Karl Heinrich Bauer en de neuroloog Kurt Goldstein
de Rassenhygiene a la avantgardistische vorm van modernisering in hun denken en werken tot uiting
kwam. Vervolgens is het de beurt aan de gynaecologie, waar de gedachte post vatte dat het moment
van menstruatie en ovulatie ras-afhankelijk zou zijn. Ten slotte gaat de auteur uitgebreid in op
de Rassenhygiene in de psychiatrie. In dit hoofstuk beschrijft Peter de ontwikkeling van het
begrip Entartung alsook de wijze waarop de psychiatrie zich als politiek instrument ingezet is om
politieke dissidenten te medicaliseren, met name in het geval van de revolutie van de arbeiders-
en soldatenraden (1919). Hij verwijst onder meer naar Emil Kraeplin die als hoofd van de
Psychiatrische Klinik in München, deze poltiek-andersdenkenden als psychopaat en debiel betitelde.
"Die erbbiologisch orientierte Psychiatrie konstruierte das Dogma, dass das soziale Milieu die
kriminellen Anlagen eines Menschen nur Verstärke" (p.203). In de forensische psychiatrie was het
toen al communis opinio dat er bij het naar misdaad neigende individu sprake is van een gestoorde
ontwikkeling in de hersenen.
In dit zeer uitgebreid gedocumenteerde boek maakt Peter inzichtelijk hoe diep de wortels van de
Rassenhygiene in de medische wetenschappen reikten en een weerspiegeling vormden van de
tijdsgeest in de periode tussen de twee wereldoorlogen. Waartoe een dergelijk paradigma
nationaal-socialistische politici legitimering na 1933 verschafte, heeft de geschiedenis ons
pijnlijk geleerd."
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Gen-ethischer Informationsdienst (GID) 165 Aug./Sept. 2004 (20. Jahrgang - ISSN 0935-2481)